Wahrnehmung F1: Warum schauen Autisten oft nicht in die Augen?

Shownotes

In dieser Folge geht es um ein Thema, das viele Autisten ihr ganzes Leben begleitet: Blickkontakt.

Ich spreche über meine eigenen Erfahrungen und darüber, warum Blickkontakt für mich manchmal funktioniert und manchmal Stress auslöst.

Danach schauen wir gemeinsam auf den wissenschaftlichen Hintergrund.

Du erfährst unter anderem:

• warum Blickkontakt für viele Menschen eine wichtige soziale Information ist • welche Rolle das Gehirn bei der Verarbeitung von Blickkontakt spielt • warum direkter Blick in die Augen für manche Autisten Stress auslösen kann • warum die alte Theorie über Spiegelneuronen heute kritischer gesehen wird • warum Blickkontakt auch stark von gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist • und warum fehlender Blickkontakt nichts über Aufmerksamkeit oder Interesse aussagt

Eine Folge über Wahrnehmung, Missverständnisse und darüber, wie unterschiedlich Kommunikation sein kann.

Mehr zum Podcast: Autismus Talk

Transkript anzeigen

00:00:00: Hallo und willkommen bei Autismus Talk, dem Podcast der Verständnisschaft.

00:00:04: Ich bin Mike Blumenberg, Auto-Podcaster & Content Creator.

00:00:08: Hier spreche ich offen über Autismus, über echte Erfahrungen, Aufklärung – und das Leben auf dem Spektrum mit dem Ziel mehr Bewusstsein und Akzeptanz zu schaffen.

00:00:18: Schön dass du eingeschaltet hast und Teil dieser Reise bist!

00:00:22: Ja wenn Menschen über Autism sprechen… Kommt früher oder später fast immer eine Sache auf den Tisch.

00:00:29: Der Blickkontakt.

00:00:30: Es gibt diesen Satz, den viele von euch vielleicht schon mal gehört haben.

00:00:35: Schauen wir doch mal in die Augen wenn ich mit dir rede.

00:00:37: Für viele Menschen ist das etwas ganz Normales Für viele Autisten ist es aber genau das nicht.

00:00:45: Ich möchte heute mal aus meiner persönlichen Sicht darüber sprechen, wie sich Blickkontakt für mich anfühlt und warum das Thema viel komplexer ist als viele denken.

00:00:56: Bei mir ist es nämlich nicht einfach nur ein.

00:00:59: ich kann das oder ich kann dass nicht.

00:01:03: Es kommt sehr stark auf die Situation an Und vor allem auf den Menschen der vor mir steht.

00:01:10: Es gibt Menschen denen kann ich relativ gut in die Augen schenken nicht perfekt, aber es funktioniert.

00:01:16: Trotzdem fühlt sich auch dann das nicht so natürlich an!

00:01:21: Es ist eher so als würde man etwas bewusst tun dass andere Menschen einfach automatisch machen und dann gibt es die Situation.

00:01:32: da funktioniert es gar nicht... Da löst der Blickkontakt in mir ein richtig unangenehmes Gefühl aus.

00:01:40: Es ist schwer zu beschreiben, aber es fühlt sich ein bisschen wie inneren Stress an so einen Druck im Kopf, so ein Gefühl von das ist geradezu viel und dann merke ich automatisch dass ich den Blick wegnehme.

00:01:55: Das passiert nicht weil ich unhöflich sein will oder weil mich die Person nicht interessiert.

00:02:01: ganz im Gegenteil.

00:02:03: oft höre Ich sogar besser zu wenn ich nicht in die Augen schauen muss.

00:02:07: Das ist etwas, was viele Menschen nicht verstehen.

00:02:10: Für sie gehört zuhören automatisch mit Blickkontakt zusammen.

00:02:15: Bei mir ist es oft genau anders herum.

00:02:17: Wenn ich jemanden direkt in die Augen schauen muss dann ist ein Teil meiner Aufmerksamkeit plötzlich mit etwas anderem beschäftigt.

00:02:25: Ich denke dann darüber nach, schaue ich gerade zu lange.

00:02:29: Schaue ist zu kurz?

00:02:31: Ist das noch normal oder wirkt das komisch?

00:02:35: Das sind Gedanken die viele Menschen wahrscheinlich gar nicht haben und genau deshalb habe ich mir im Laufe der Zeit kleine Strategien angewöhnt.

00:02:45: Zum Beispiel schahoe ich Menschen nicht immer direkt in die Augen!

00:02:48: Manchmal schaue ich zwischen die Augen oder auf die Nase, oder auf den Mund.

00:02:53: Für die andere Person sieht es dann meist so aus als würde ich Blickkontakt halten.

00:02:59: Ich achte dabei auch darauf, nicht auf Dinge zu schauen die für die Person unangenehm sein könnten.

00:03:08: Zum Beispiel auffällige Hautstellen oder irgendwas im Gesicht was so wirkt als würde ich es anstarren?

00:03:16: Das sind alles kleine Dinge über die ich wusst nachdenke und genau das ist der Punkt!

00:03:23: Für viele Menschen läuft Blickkontakt komplett automatisch.

00:03:27: Für mich ist es eher etwas, das ich bewusst steuern muss und das kostet Energie – nicht Risik viel Energie in einem kurzen Gespräch aber über den ganzen Tag verteilt merkt man das schon besonders in Situationen mit vielen Gesprächen zum Beispiel im Arbeitsalltag.

00:03:47: Wenn ich unterwegs bin mit Kundenspreche oder neue Menschen treffe, dann merke ich manchmal wie sehr solche kleinen sozialen Dinge im Hintergrund mitlaufen und das ist etwas dass man von außen oft gar nicht sieht.

00:04:03: Viele denken dann einfach der schaut mir nicht richtig in die Augen, der wirkt unsicher oder vielleicht sogar unhöflich.

00:04:11: dabei passiert im Inneren einfach nur etwas anderes und genau deshalb finde ich es wichtig, über solche Dinge zu sprechen.

00:04:18: Denn Blickkontakt ist nicht nur eine Gewohnheit – er hat auch viel mit unserem Gehirn zu tun!

00:04:26: Mit Wahrnehmung, mit Stress, Reizverarbeitung... Und genau darüber möchte ich jetzt im nächsten Teil sprechen.

00:04:33: Denn die spannende Frage ist eigentlich, warum ist Blickkontakt für viele autistische Menschen so anstrengend oder unangenehm?

00:04:42: Und was sagt die Forschung eigentlich dazu?

00:04:45: Darüber schauen wir uns jetzt einmal den fachlichen Hintergrund an und genau an dieser Stelle wird es spannend!

00:04:57: Menschen weniger in die Augen, die viel wichtige Frage ist was passiert dabei eigentlich im Gehirn?

00:05:04: Wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt merkt man relativ schnell dass es darauf keine einfache Antwort gibt.

00:05:12: Es gibt verschiedene Erklärungen aus der Wissenschaft und einige Dinge sind gut belegt.

00:05:18: andere werden noch diskutiert.

00:05:20: ich möchte das jetzt einmal Schritt für Schritt erklären.

00:05:24: Zuerst einmal muss man verstehen, welche Rolle Blickkontakt überhaupt für viele Menschen spielt.

00:05:30: Für die meisten Menschen ist Blikkontakt eine Art Informationsquelle – wenn zwei Menschen sich ansehen passiert sehr viel Kommunikation ohne dass ein einziges Wort gesprochen wird!

00:05:42: Über die Augen erkennen wir zum Beispiel ziemlich schnell, wie es dem anderen geht.

00:05:47: Ob jemand traurig wirkt, wütend ist, unsicher ist oder vielleicht gerade besonders glücklich – das passiert bei vielen Menschen innerhalb von Sekundenbruchteilen!

00:05:57: Unser Gehirn wertet kleine Veränderungen im Gesicht aus.

00:06:02: Die Spannung um die Augen, die Richtung des Blickes, kleine Bewegungen in der Mimik – das hilft uns dabei Situationen schneller einzuschätzen!

00:06:12: Wenn wir zum Beispiel sehen dass jemand sehr wütend aussieht gehen viele Menschen automatisch auf Abstand.

00:06:18: wenn jemand traurig wirkt reagieren viele Menschen mit Mitgefühl.

00:06:22: Blickkontakt hat also eine wichtige soziale Funktion.

00:06:26: Ein Teil der Forschung sagt, dass dabei bestimmte Netzwerke im Gehirn aktiv sind.

00:06:32: Die auch etwas mit Empathie zu tun haben.

00:06:35: Man spricht hier oft von sogenannten Spiegelneuronen.

00:06:39: Diese Idee ist in den letzten Jahren sehr bekannt geworden.

00:06:42: Die Vorstellung dahinter ist das unser Gehirnen gewissermaßen das Verhalten oder die Gefühle anderer Menschen spiegelt wenn wir sie beobachten.

00:06:52: Früher wurde deshalb teilweise gesagt, vor allem damit zu tun hat, dass dieses Spiegelneuronensystem nicht richtig funktioniert.

00:07:01: Heute sieht man das deutlich vorsichtiger!

00:07:04: Es gibt Studien die Unterschiede gefunden haben andere Studien haben aber keine klaren Belege dafür gefunden.

00:07:11: Viele Forscher sagen deshalb inzwischen, die Spiegelneuronen alleine können Autismus nicht erklären.

00:07:18: Es ist also ein mögliches Teilstück des Puzzles aber keine vollständige Erklärung.

00:07:24: eine andere Erklärungen, die in der Forschung oft diskutiert wird hat mit Stressreaktionen im Gehirn zu tun.

00:07:32: Einige Studien zeigen, dass direkter Blickkontakt bei manchen autistischen Menschen eine stärkere Aktivierung in bestimmten Hirnbereichen auslösen kann.

00:07:42: Besonders in Bereichen mit Emotionen und Alarmreaktion zu tun haben.

00:07:47: Das bedeutet vereinfacht gesagt der direkte Blick in die Augen kann sich für manche Autisten intensiver anfühlen als für andere Menschen Nicht bei allen, aber bei einem Teil.

00:07:59: Das kann erklären warum Blickkontakt manchmal als unangenehm oder sogar stressig erlebt wird – das Gehirn reagiert dann so als wäre diese Situation besonders intensiv.

00:08:11: Eine weitere Sache die in der Forschung untersucht wird ist die Aufmerksamkeit.

00:08:16: Viele Studien zeigen dass autistische Menschen Gesichter oft anders anschauen als andere Menschen.

00:08:22: Sie fixieren zum Beispiel häufiger Mund, Haare oder andere Bereiche im Gesicht statt direkt auf die Augen zu schauen.

00:08:30: Das heißt aber nicht automatisch dass sie keine Emotionen erkennen können – es bedeutet eher das sie Informationen anders sammeln!

00:08:38: Manche Autisten schauen zum Beispiel lieber auf den Mund weil dort die Sprache sichtbar ist.

00:08:45: Das kann helfen Gespräche besser zu verstehen.

00:08:48: Dann gibt es noch ein weiteres Thema, das manchmal im Zusammenhang mit Autismus genannt wird – Gesichtsplintheit.

00:08:55: Der Fachbegriff dafür ist hosopagnosi.

00:09:04: Dabei haben Menschen Schwierigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen oder einzelne Gesichtsteile klar zu unterscheiden.

00:09:11: Das kommt auch bei nichtautistischen Menschen vor.

00:09:14: Bei Autisten scheint es etwas häufiger aufzutreten, aber wichtig ist das betrifft nicht alle Autisten!

00:09:21: Es ist also keine typische Eigenschaft von Autismus sondern eher etwas dass zusätzlich vorkommen kann.

00:09:28: Ein Punkt der oft vergessen wird ist außerdem der gesellschaftliche Teil.

00:09:33: Blickkontakt ist nämlich nicht nur etwas Biologisches, es ist auch eine kulturelle Regel.

00:09:40: Viele von uns haben als Kinder Sätze gehört wie Schau den Leuten in die Augen wenn du mit ihnen sprichst.

00:09:46: das wird häufig mit Höflichkeit Respekt oder Ehrlichkeit verbunden.

00:09:52: Wenn jemand den Blick vermeidet denken viele sofort dass die Person unsicher ist oder lügt oder kein Interesse hat.

00:10:00: Das Problem ist nur, diese Schlussfolgerung passt bei Autismus oft nicht.

00:10:06: Ein autistischer Mensch kann sehr aufmerksam zuhören und gleichzeitig kaum Blickkontakt halten – genau da entstehen viele Missverständnisse!

00:10:14: Denn die Gesellschaft bewertet Blickkontakte moralisch.

00:10:18: Dabei sagt er eigentlich nur etwas darüber aus wie jemand Informationen verarbeitet….

00:10:24: Und wenn man all diese Punkte zusammennimmt merkt man schnell … ist kein simples kann nicht oder will nicht, es ist eher eine Mischung aus mehreren Faktoren.

00:10:37: Neurologische Unterschiede in der Wahrnehmung, Unterschiede im Reizverarbeitung, unterschiede darin wie Informationen aus Gesicht dann gelesen werden und gleichzeitig starke gesellschaftliche Erwartungen.

00:10:50: Deswegen ist es auch wichtig zu verstehen wenn ein autistischer Mensch jemanden nicht in die Augen schaut ist das meist keine Entscheidung gegen die andere Person.

00:10:59: Es ist einfach eine andere Art mit sozialen Reizen umzugehen Und vielleicht hilft es schon sehr, wenn man sich eine Sache bewusst macht.

00:11:08: Aufmerksamkeit erkennt man nicht nur an den Augen – man erkennt sie auch daran ob jemand zuhört, ob jemand reagiert oder versucht zu verstehen.

00:11:20: und manchmal hört ein Mensch sogar besser zu, wenn er gerade nicht in die Augen schauen muss.

00:11:26: Ja damit sind wir am Ende der heutigen Folge!

00:11:29: Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, folge diesen Podcast damit du keine weitere Folge verpasst.

00:11:35: Und dann möchte ich noch sagen danke dass du dir Zeit genommen hast zuzuhören und bleib neugierig, bleibt du selbst, bleib einzigartig.

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