Nachteilsausgleich in Deutschland
Shownotes
Deutschland Version Einfachere (Ersterteil des Podcast)
[DACH Version Komplex kommt um 18Uhr (Kompletter Podcast)]
Nachteilsausgleich soll Chancengleichheit schaffen. In der Praxis erleben viele Betroffene jedoch das Gegenteil. In dieser Folge spreche ich darüber, was Nachteilsausgleich in Deutschland eigentlich bedeutet, wer Anspruch darauf hat und warum er so häufig an fehlender Diagnose, unklaren Zuständigkeiten oder falschen Bewertungen scheitert.
Ich erkläre, wann Nachteilsausgleich gewährt werden muss und wann nicht, warum nicht die Diagnose allein entscheidend ist, sondern der konkrete Bedarf, und weshalb besonders autistische Menschen, Menschen mit ADHS oder Lernbeeinträchtigungen oft durchs Raster fallen.
Die Folge verbindet persönliche Erfahrungen mit einer sachlichen Einordnung der rechtlichen und schulischen Grundlagen in Deutschland und zeigt, wo das System fair sein will, aber in der Umsetzung versagt.
Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Autismus Talk, dem Podcast der Verstättenesschaft.
00:00:06: Ich bin Mike Blumenberg, Auto-Podcaster und Content Creator.
00:00:10: Hier spreche ich offen über Autismus, über echte Erfahrungen, Aufklärung und das Leben auf dem Spektrum, mit dem Ziel mehr Bewusstsein und Akzeptanz zu schaffen.
00:00:21: Schön, dass du eingeschaltet hast und Teil dieser Reise bist.
00:00:25: Ja, heute geht es um das Thema Nachteilsausgleich, weil ich das in einer Community, ja, da war das Thema, weil ein Kind dort nicht den Nachteilsausgleich bekommt.
00:00:38: Daraufhin habe ich mich ein bisschen informiert und werde in dieser Folge über Nachteilsausgleich auch über andere Länder, weil die Person aus Österreich kommt.
00:00:48: Und ja, da sind natürlich Änderungen im Dachraum, also Deutschland, Österreich und Schweiz.
00:00:55: Und deswegen gehe ich da dann darauf ein.
00:00:58: Aber natürlich erst mal wieder meine persönlichen Erfahrungen und Meinungen zu diesem Thema.
00:01:04: Wenn ich heute über Nachteilsausgleich spreche, dann aus einer Perspektive, die viele Teilen aber selten benennen.
00:01:13: Ich habe selbst nie einen Nachteilsausgleich bekommen.
00:01:17: Nicht weil ich ihn nicht gebraucht hätte, sondern weil ich keine Diagnose hatte.
00:01:24: Und genau das hat meinen Bildungs- und Berufsweg stärker beeinflusst, als ich mir damals bewusst war.
00:01:32: In meiner Ausbildung habe ich mehrfach erlebt, dass fachliche Leistung und tatsächliches Können nicht das entscheidende Kriterikum waren.
00:01:44: In der Malausbildung gab es einen überbetrieblichen Lehrgang.
00:01:48: Fachlich lief das sehr gut.
00:01:51: so gut, dass ich als begabt eingestuft wurde und theoretisch in eine begabten Förderung hätte kommen können.
00:01:59: Diese Förderung hätte mir viele Türen geöffnet.
00:02:03: Dazu kam es aber nicht.
00:02:04: Der Grund war nicht meine Leistung, sondern meine soziale Bewertung.
00:02:09: Meine Sozialkompetenz wurde in Frage gestellt.
00:02:14: Rückblickend ist das ein klassisches Beispiel dafür, was passiert, wenn Verhalten bewertet wird, ohne es einzuordnen.
00:02:23: Damals wusste niemand, dass ich Autist bin.
00:02:26: Entsprechend wurde mein Verhalten nicht als Ausdruck einer Behinderung gesehen, sondern als persönlicher Mangel.
00:02:34: Heute ist mir klar, dass hier ein Nachteilsausgleich entscheidend gewesen wäre.
00:02:40: Nicht um Anforderungen zu senken oder mich zu bevorzugen, sondern um meine fachliche Begabung von meiner sozialen Einschränkung zu trennen.
00:02:51: Mit einer anerkannten Behinderung und einem passenden Ausgleich, wäre meine Leistung anders bewertet worden.
00:03:00: Meine sozialen Schwierigkeiten wären nicht verschwunden, aber sie wären nicht das Kriterikum gewesen, das alles andere überschattet.
00:03:09: Ein weiteres Beispiel, das mir sehr deutlich zeigt, wie ungerecht fehlender Nachteilsausgleich sein kann, stammt aus meiner Kinderpflegeausbildung.
00:03:20: Dort gab es den Bereich Ernährungszubereitung.
00:03:24: Neben dem fachlichen Teil gehörte es zur Bewertung, dass man die zubereiteten Speisen probiert.
00:03:30: Ich habe bestimmte Dinge nicht probiert und dafür eine schlechtere Note bekommen.
00:03:36: Damals wurde das als fehlende Offenheit oder mangelnde Bereitschaft gewertet.
00:03:42: Heute weiß ich, dass genau hier ein typisches autistisches Thema eine Rolle gespielt hat.
00:03:48: Esverhalten ist bei Autisten ein großes und gut belegtes Thema.
00:03:53: Viele autistische Menschen haben starke sensorische Besonderheiten, Geschmack, Konsistenz, Geruch, Temperatur oder die Kombination von Lebensmitteln können zu überwältigenden Stein, das probieren nicht einfach unangenehm ist, sondern körperlich kaum möglich.
00:04:10: Das ist kein Trotz, keine Erziehungssache und keine persönliche Entscheidung.
00:04:16: Es ist Teil der sensorischen Verarbeitung bei Autismus.
00:04:21: Und es sagt nichts darüber aus, ob jemand fachlich versteht, wie Ernährung funktioniert, wie Speisen zubereitet werden oder warum man bei Hygiene und Nährstoffen achten muss.
00:04:35: Genau hier liegt die Ungerechtigkeit.
00:04:38: Bewertet wurde nicht mein Wissen und nicht meine Fähigkeiten, sondern mein persönliches Esswerl.
00:04:46: Damit wurde etwas benotet, das mit der eigentlichen Kompetenz nichts zu tun hatte.
00:04:53: Mit meinem Nachteilsausgleich, also mit einem Nachteilsausgleich, hätte man das sauber trennen können.
00:05:01: zeigen können, dass ich weiß, wie Speisen zubereitet werden, wie man Geschmack beschreibt oder wie Kinderernährung aufgebaut ist.
00:05:11: Ohne gezwungen zu sein, sensorische Grenzen zu überschreiten.
00:05:15: Für mich sind diese Erfahrungen der Grund, warum ich Nachteilsausgleich für extrem wichtig halte.
00:05:22: Dabei nicht um Sonderbehandlung, es geht um Fairness.
00:05:27: Menschen mit langfristigen Beeinträchtigungen wie Autismus oder auch Leserechtschreibschwäche starten nicht unter den gleichen Bedingungen, auch wenn das von außen oft so wirkt.
00:05:39: Ohne Ausgleich werden diese Menschen doppelt belastet.
00:05:43: Sie müssen nicht nur lernen und leisten, sondern gleichzeitig permanent kompensieren, sich anpassen und erklären.
00:05:52: Das kostet Kraft und diese Kraft fehlt dann an anderer Stelle.
00:05:56: Nachteilsausgleich sorgt nicht dafür, dass jemand mehr erreicht als andere, sondern dafür, dass jemand überhaupt die Chance bekommt, sein Potenzial zu zeigen.
00:06:08: Meine Geschichte ist kein Einzelfall, sie ist typisch.
00:06:11: Viele Menschen scheitern nicht an fehlenden Fähigkeiten, sondern an Bewertungssystemen, die keine Unterschiede machen zwischen Können und Einschränkungen.
00:06:22: Ein gut umgesetzter Nachteilsausgleich kann genau das verändern.
00:06:27: Und genau hier möchte ich jetzt ansetzen und fachlich einordnen, was Nachteilsausgleich ist, wer Anspruch darauf hat und warum es so oft missverstanden oder falsch umgesetzt wird.
00:06:41: Wenn man über Nachteilsausgleich spricht, muss man zuerst den Grundgedanken sauber festhalten.
00:06:48: Nachteilsausgleich bedeutet nicht, dass Anforderungen abgesenkt werden.
00:06:53: Es bedeutet, dass Bedingungen so angepasst werden, dass eine behinderungsbedingte Benachteiligung nicht darüber entscheidet, ob jemand zeigen kann, was er oder sie fachlich kann.
00:07:05: Das wird in Deutschland oft ausdrücklich so formuliert.
00:07:09: Also sogenannte zielgleiche Leistung, also gleicher Leistungsinhalt unter angepassten Bedingungen.
00:07:18: Die Kulturministerkonferenz beschreibt genau diese Logik.
00:07:22: Nachteilsausgleich als Anpassung der äußeren Bedingungen nicht als andere Ziele.
00:07:29: Und ja, jetzt kommen wir zu den verschiedenen Bereichen in Deutschland, Österreich und Schweiz.
00:07:37: In Deutschland ist der Nachteilsausgleich im Schulbereich Länderrecht.
00:07:42: Also jedes Bundesland hat eigene Regeln und Verfahren.
00:07:47: Die Leitidee kommt aber aus übergeordneten Grundlagen.
00:07:51: Artikel drei des Grundgesetzes verbietet Benachteiligungen wegen Behinderung.
00:07:57: Darauf wird im Kontext Nachteilsausgleich regelmäßig verwiesen.
00:08:04: Wichtig ist, es geht um behinderungsbedingte Nachteile.
00:08:08: Praktisch bedeutet das Man bekommt Nachteilsausgleich, wenn eine längerfristige Beeinträchtigung dazu führt, dass man in Prüfung oder Unterricht etwas nicht verzeigen kann, obwohl man es inhaltlich kann.
00:08:24: Autismus kann genau darunter fallen, genauso wie ADHS oder Teileistungsstörungen, wenn die konkrete Auswirkungen in Schule und Prüfung nachvollziehbar beschrieben sind.
00:08:38: Was fast immer entscheidend ist, auch wenn viele es unterschätzen, nicht die Diagnose als Etikett, sondern die konkrete Begründung im schulischen Alltag.
00:08:50: Also welche Situation führt zu welchem Nachteil und welche Maßnahmen gleichen genau das aus, ohne den Leistungsinhalt zu verändern.
00:08:59: Viele Ausgleiche der Länder folgen genau diesen Muster.
00:09:03: Ein Beispiel ist Nordrhein-Westfalen.
00:09:05: wo solche Arbeitshilfen erklären, dass Maßnahmen in individuellen Bedarfen ausgerichtet werden und in Systemschule verankert sind.
00:09:17: Wann bekommt man in Deutschland typischerweise keinen Nachteilsausgleich.
00:09:23: Wenn es nur um allgemeine Schwierigkeiten geht, die nicht behinderungsbedingt sind, also schlechte Vorbereitungen, kurzfristiger Stress, Prüfungsangst, ohne belegbare Krankheits- oder Behinderungsbezug, Konflikte in der Klasse, dafür gibt es andere Wege wie pädagogische Unterstützung, Gespräche, Wiederholungen oder bei Krankheit, Krankheitsbedingte Regelungen, Aber das ist nicht der Nachteilsausgleich.
00:09:52: Wenn dir diese Einblick geholfen hat und du Neurodivergents besser verstehen möchtest, findest du mich auch auf meinem anderen Kanälen.
00:10:00: Unter RealMike.com bin ich auf Instagram, YouTube, TikTok und Twitch aktiv und teile dort persönliche Einblicke in meinem Alltag sowie Gaming.
00:10:10: Fachliche Inhalte findest du auf Instagram bei AutismusTalk.Podcast.
00:10:15: Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, folge diesen Podcast, damit du keine weitere Folge verpasst.
00:10:22: Danke, dass du dir Zeit genommen hast, zuzuhören.
00:10:25: Bleib neugierig, bleib du selbst, bleib einzigartig.
Neuer Kommentar